Bund Badischer Landjugend: „Voll schwul – auch Sprache kann verletzen“

Dominik Schopp erzählt, warum Queersein auch in der Landjugend seinen Platz haben sollte

Wie es ist, in der Landjugend aktiv zu sein und irgendwann zu merken, dass man(n) auf Mann steht? Das wollten wir von Dominik Schopp, unserem ehemaligen Vorsitzenden wissen.

Wann und wie bist du zur Badischen Landjugend gekommen?

Das ist mittlerweile schon so lange her, dass ich selbst ersteinmal darüber nachdenken muss. Angefangen hat das gar nicht mit der Landjugend, sondern mit der Jugendfeuerwehr. Mit 14 hat mich ein Freund auf dem Heimweg im Bus darauf angesprochen, ob ich am selben Abend Lust habe zum Schnupperabend der Feuerwehr zu kommen. Spontan bin ich mitgegangen und in die Jugendfeuerwehr eingetreten. Da einige Mitglieder der Feuerwehr auch in der Landjugend waren und beides am gleichen Abend stattfand, wurde ich nach ein paar Wochen auch in die Landjugend in Merdingen „mitgeschleppt“. Mit dem BBL hatte ich die ersten Berührungspunkte 2010 beim IGW-Theater in Berlin. Die damalige Landesvorsitzende Bettina Schnurr aus Merdingen hat uns dazu motiviert in der Theatergruppe mitzuwirken. Die Zeit war sehr spaßig und ich habe sehr viele Kontakte im ganzen Verbandsgebiet geknüpft. Dadurch habe ich Blut geleckt, mich im Verbandsleben zu engagieren. So hat meine „Karriere“ ihren Lauf genommen und ich war von 2013 bis 2020 im Landesvorstand aktiv. So haben mich einige Zufälle zum BBL gebracht.

War dir damals schon klar, dass du schwul bist?

Nein damals war ich mir noch nicht klar über meine Sexualität. Erst mit 24 habe ich mich bewusst damit beschäftigt, dass ich Männer sexuell attraktiv finde. Gerade in den ersten Monaten war es nicht einfach für mich. Ich hatte Angst davor meine Gedanken und Gefühle jemanden anzuvertrauen. Gleichzeitig habe ich selbst versucht immer wieder, meine Sexualität zu unterdrücken, um weiterhin „normal“ zu sein. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis ich mein inneres Coming Out hatte und mir selbst bewusst wurde, dass ich mir eine romantische Beziehung mit einem Mann wünsche. Als ich mir selbst klar war, konnte ich auch selbstbewusst mit meinen Freunden über das Thema sprechen.

Rückblickend fand ich auch schon früher Männer attraktiv. Ich habe meine Gefühle aber zum Teil unbewusst und auch bewusst unterdrückt. Einerseits weil ich Angst hatte anders zu sein, andererseits aber auch, weil Queersein in meinem Umfeld einfach nicht präsent war und es in meinem Freundeskreis kein/kaum Thema war.

Hattest du Angst vor einem Outing in der Landjugend? Und falls ja, haben sich deine Befürchtungen bestätigt?

Viele verstehen unter Coming Out ja eine klassische Ankündigung in die Öffentlichkeit wie zum Beispiel: „Ich bin schwul“. So ähnlich bin ich bei meinen Eltern und Freunden vorgegangen. Ansonsten erzähle ich niemanden direkt, explizit von meiner Sexualität. Beim Kennenlernen sagt ja auch niemand: „Übrigens ich bin heterosexuell“.* Trotzdem ist es für mich wichtig offen meine Sexualität in den passenden Situationen zu zeigen. Ich lade zum Beispiel Bilder mit meinem Freund auf sozialen Medien hoch, erzähle von unseren gemeinsamen Ausflügen und küsse ihn in der Öffentlichkeit.

Ich hatte zu Beginn zwar Befürchtungen, dass mein Umfeld und die Landjugend negativ auf meine Sexualität reagieren wird. War mir aber sicher, dass Kritik oder Abneigung mir nichts anhaben konnten. Bei meinem impliziten Coming Out, also im Alltag, habe ich aber auch noch keine negativen Erfahrungen gemacht.

Warum ist es dir wichtig, dass Queersein auch ein Landjugendthema ist?

Queer: Menschen, die sich nicht der Kategorie „Mann steht auf Frau und Frau steht auf Mann“ zuordnen lassen (wollen)

Trotz meiner guten Erfahrungen finde ich es sehr wichtig, dass Queersein in der Landjugend thematisiert wird. Wir müssen in der Jugendarbeit weiter an einem queer freundlichen Umfeld arbeiten. Das ist für die natürliche Entwicklung und Selbstfindung von queeren Jugendlichen wichtig.

Durch Aufklärung und Information können Unwissen und Vorurteile abgeschafft werden. Die Sensibilisierung könnte aufzeigen, dass auch simple Redewendungen im Alltag verletzend sein können. Wie würdet zum Beispiel ihr euch fühlen, wenn schlecht laufende Situationen mit „das ist aber voll heterosexuell“ betitelt werden?

Die Diskussionen in der Landjugend könnte Mitglieder auch motivieren noch mehr ihre Toleranz offen zu zeigen. Diese Unterstützung ist wichtig damit offen ausgesprochene negative Einstellungen von wenigen nicht als allgemein vorherrschende Meinung gedeutet wird.

Gibt es etwas was du noch sagen möchtest?

Liebt wen ihr wollt, bleibt gesund und ihr seid nicht allein!


Was hat LGBTQIA mit Landjugend zu tun?

2016 ordneten sich bei der DALIA-Studie 7,4 Prozent der Deutschen dem Begriff LGBTQIA zu. Möglich, dass es in der Stadt mehr sind, weil sich in manchen Städ-ten Communities gebildet haben. Aber selbst wenn es auf dem Land nur 5 Prozent sein sollten, dann wäre in jeder durchschnittlichen Ortsgruppe mindestens 1 Person „betroffen“.

Warum kenne ich gar niemanden?

Vielleicht ja doch? Vielen fällt es immer noch schwer sich zu outen und sie behalten ihre sexuelle Orientierung für sich. Höchste Zeit auch in der Landjugend ein Klima zu schaffen, in dem es egal ist, wer sexuell wie tickt. Mir geht es genauso.

Wo bekomme ich Unterstützung?

Natürlich gibt es viele Organisationen, an die du dich wenden kannst, wie z.B. die Rosa Hilfe in Freiburg. Aber du kannst dich auch einfach an unseren ehemaligen Vorsitzenden wenden: Dominik Schopp (ehem. Vorsitzender) dominik.schopp@gmail.com


Quelle:

https://www.queerfreiburg.de/archiv/2021-02-bund-badischer-landjugend.pdf

Website:

https://www.laju-suedbaden.de