[NETZWERK LSBTTIQ BW] Für eine Erinnerungskultur jenseits von Opferhierarchien

Pressemitteilung des Netzwerk LSBTTIQ BW vom 14.01.2021

Zum 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg mit einer Gedenkver­anstaltung am 24. Januar. 

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Der Name wie auch der Ort stehen symbolhaft für den millionenfachen und systematisch geplanten Mord aus rassistischen, politischen und sozialen Gründen während des Nationalsozialismus 1933-1945.

Anlässlich des 76. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz erinnert das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg besonders an das Leid lesbischer, schwuler, bisexueller, transgender, transsexueller, intersexueller und queerer (lsbttiq) Menschen. Sie wurden in der hetero- und andronormativen Logik der nationalsozialistischen völkischen Familien- und Bevölkerungspolitik gesellschaftlich ausgegrenzt und auf der Grundlage des § 175 und § 129 (in Österreich) und anderer Gesetze und Erlasse willkürlich kriminalisiert, zwangssterilisiert oder als Homosexuelle und „Asoziale“ in Arbeits- und Konzentrationslager gebracht.

Neben der außeruniversitären Forschung wird erst seit wenigen Jahren die Verfolgung homosexueller Männer in Baden-Württemberg auch an der Universität Stuttgart erforscht. Für 2021/2022 konnte im letzten Jahr das regionale Forschungsprojekt „Alleinstehende Frauen“, „Freundinnen“, „Frauenliebende Frauen“ – lesbische Lebenswelten im deutschen Südwesten (ca. 1920er bis 1960er Jahre) unter besonderer Berücksichtigung der Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus auf den Weg gebracht werden. Die drei Professorinnen Prof. Dr. Karen Nolte (Universität Heidelberg), Prof. Katja Patzel-Mattern (Universität Heidelberg) und Prof. Dr. Sylvia Paletscheck (Universität Freiburg) werden dabei interdisziplinär alltagsgeschichtliche und biographische, rechtliche und private Rahmenbedingungen für frauenliebende Frauen sowie die medizin- und wissenschaftsgeschichtliche Perspektive auf weibliche Homosexualität erforschen. Das Projekt verfolgt dabei die übergreifende Fragestellung, wie und ob Frauen nicht-normative Lebensentwürfe und nicht-heteronormatives sexuelles Begehren verwirklichen konnten.

Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg begrüßt dieses erste regionale Verbundprojekt zur Erforschung lesbischer Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte als weiteren Meilenstein für die Aufarbeitung von NS-Verfolgung und die Schaffung einer Erinnerungskultur jenseits von Opferhierarchien.

Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg empfiehlt zum Gedenktag besonders die Livestream-Veranstaltung am 24. Januar um 16 Uhr auf www.zentrum-weissenburg.de zur kürzlich erschienenen BuchveröffentlichungErinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten mit der Mitautorin Dr. Anna Hájková (Großbritannien) und dem Herausgeber Dr. Lutz van Dijk (Südafrika). Veranstalterin ist die Themengruppe Geschichte des Netzwerks LSBTTIQ und die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber in Kooperation mit der Abteilung für individuelle Chancengleichheit von Frauen und Männern der Landeshauptstadt Stuttgart, der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg – Fachbereich Gedenkstättenarbeit und dem Weissenburg LSBTTIQ-Zentrum Stuttgart.

Im Gespräch mit Joachim Stein und Ute Reisner werden Dr. Anna Hájková und Dr. Lutz van Dijk u. a. der Frage nachgehen, warum ein angemessenes Erinnern an das Leid nicht-heteronormativer Opfer sowohl am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag als auch in der Gedenkstätte Auschwitz noch immer fehlt und warum die Überwindung einer Hierarchie der Opfer in der Erinnerungskultur ein Vorteil für alle Teile der Gesellschaft ist – nicht nur in Polen und Deutschland.

Über das Netzwerk Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg ist ein überparteilicher und weltanschaulich nicht gebundener Zusammenschluss von lesbisch-schwul-bisexuell-transsexuell-transgender-intersexuell und queeren (LSBTTIQ) Gruppen, Vereinen und Initiativen. Das Netzwerk zeigt damit bereits die Vielfalt und die Vielgestaltigkeit von Geschlecht und sexueller Orientierungen. Ziel des Netzwerks ist es, die Zusammenarbeit der verschiedenen LSBTTIQ-Mitgliedsgruppen auf Landesebene zu fördern und den Erfahrungsaustausch zu intensivieren, zu zentralen Themen gemeinsame Positionen zu erarbeiten und gegenüber landespolitischen Entscheidungstragenden zu vertreten. Dabei greift das Netzwerk auf die vorhandenen Kompetenzen und Expertisen der Mitglieder zurück. Die Bündelung der Aktivitäten vor Ort erbringt Synergieeffekte, die den gesellschaftlichen Beitrag der Mitgliedsgruppen wirkungsvoller gestaltet. Die Eigenständigkeit jedes Mitglieds wird respektiert und alle Mitglieder arbeiten gleichberechtigt.

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