[TRANSALL] Offener Brief zur Berichterstattung vom 12.01.2021 der Badischen Zeitung

Flagge: Trans*

https://www.badische-zeitung.de/joanne-rowling-alte-vorwuerfe-neuer-roman– 199433788.html

Am 12.01.2021 veröffentlichte die BZ den Artikel „Joanne Rowling: Alte Vorwürfe, neuer Roman“ bzw. in der Printausgabe „Eine meisterhafte Netzspinnerin“ von Bettina Schulte. Der Artikel bespricht das Buch „Böses Blut“ von Joanne K. Rowling, der Autorin der bekannten Harry Potter Reihe. Diese ist letztes Jahr durch trans*feindliche Äußerungen aufgefallen. Der Artikel von Bettina Schulte greift diese Situation auf. Anstatt sich aber kritisch mit den Aussagen Rowlings auseinander zu setzen, übernimmt die Autorin die trans*feindliche Argumentation.

Dies ist nicht der erste Artikel mit trans*feindlichen Inhalten, der in der Badischen Zeitung veröffentlicht wird. Am 30.07.2020 titelten sie „Freiburger Polizei sucht einen Mann in Frauenkleidern, der spielende Kinder fotografiert“. Gleich am darauffolgenden Tag wurde zurückgerudert, da es sich herausstellte, dass es sich bei dem „Mann in Frauenkleidern“ um eine trans* Frau handelte, die mit ihren Kindern den Spielplatz besuchte und Fotos für ihren Blog schoss. In der Konsequenz trafen sich am 11.08.2020 Vertreter*innen von Fluss e. V., TransAll e. V und Profamila e. V. mit Vertreter*innen der Polizei und Badischer Zeitung um ähnliche, trans*feindliche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden.

Wir fragen uns, wie nach unserem ausführlichen Gespräch ein weiterer Artikel mit diskriminierenden Aussagen gegen trans* Personen veröffentlicht werden konnte.

Die Journalistin Bettina Schulte entwirft das Bild eines wilden Mobs von Trans*Personen, der eine feministische Autorin mit „ideologischem Schaum vor dem Mund“ in ihrem Recht auf Meinungsfreiheit beschränkt. Sie spricht von dem Verbrennen von Rowlings Büchern und Morddrohungen. Dies stellt Formen von Gewalt dar, die wir entschieden ablehnen. Jedoch übergeht sie die deutlich überwiegende inhaltliche und konstruktive Kritik an den getätigten problematischen Äußerungen. Hier zieht Bettina Schulte eine Parallele zu Filmemacher Woody Allen, dessen Verlag seine Autobiografie nicht mehr drucken wollte. Auch hier verschweigt die Journalistin, dass dies aufgrund der Beschuldigung seiner Ex-Frau geschah, die siebenjährige Tochter sexuell missbraucht zu haben.

Bettina Schulte schreibt von einem „Tugendterror […] unter dem verräterischen Namen einer „cancel culture“„, also der Kritik und des Boykotts von „Kulturgeschehen“, bei auftretender Kritik über diskriminierende Inhalte und spielt damit in die Stammtischrhetorik von „Früher durfte man das noch sagen!“.

Über Rowlings neues Buch verliert sie viele lobende Worte, verpasst jedoch auch hier, die inhaltliche Kritik an dem Werk anzusprechen. Der Hauptverdächtige im Mordfall ist der Serienmörder Dennis Creed, der sich zur Täuschung seiner Opfer als Frau verkleidet und in gestohlener Frauenunterwäsche masturbiert. Die Parallele zum Fahndungsaufruf von Juni 2020 in der Badischen Zeitung ist frappierend: In ihrem Roman bespielt Rowling damit das Narrativ des „perversen Kriminellen in Frauenkleidern“, der seine Opfer mit der Darstellung von Weiblichkeit täuscht. Diese Darstellung von Trans*feindlichkeit reiht sich in eine lange Geschichte von popkulturellen Darstellungen. Aufgegriffen wurde dies neuerdings in dem Netflix-Dokumentarfilm „Disclosure“, der den medialen Fehldarstellungen von trans* Menschen einen ganzen Abschnitt widmet.

In dem Artikel verweisen mehrere Formulierungen auf Positionen, die trans*feindlich sind. Das Beharren „auf der Tatsache eines biologischen Geschlechts“ mit dem gleichzeitigen Ignorieren von Geschlechtsidentität, sowie das Zitat „Ob das zunehmende Bewusstsein einer Differenz zwischen nataler und empfundener Geschlechtszugehörigkeit, […] so weit gehen kann, dass sich junge Mädchen […] einer Hormonbehandlung unterziehen, ist schwer vorstellbar.“ machen klar, dass durch unzulängliche Recherche die Thematik nicht differenziert dargestellt wird: Vielmehr werden Vorurteile reproduziert.

Wir weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine solche trans*feindliche Berichterstattung die Belastung auf Personen erhöht, die ohnehin an vielen Stellen im gesellschaftlichen Leben struktureller Diskriminierung ausgesetzt sind.

Wir als Freiburger Organisationen, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und für gleiche Rechte und Akzeptanz aller Menschen jeglicher geschlechtlicher Identitäten und Geschlechtspräsentationen einsetzen, fordern erneut die Badische Zeitung zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit ihrer Berichterstattung auf, um Feindbilder nicht weiter mitzutragen oder diese gar noch zu verfestigen.

Der hier kritisierte Artikel verbreitet aktiv diskriminierende Aussagen und ist nicht mit der Grundhaltung derHumanität und Toleranz der Badischen Zeitung vereinbar. Auch die verkürzte Darstellung angesprochener Sachverhalte spiegelt vernachlässigte Recherche wider.

Diese Formvon Berichterstattung ist verletzend und schadet Leser*innen aktiv. Darum möchten wir die Badische Zeitung erneut bitten, sich mit uns an einen Tisch zu setzen.

Mit freundlichen Grüßen,

TransAll e.V.

Unterstützt von:
Fluss e.V. – Verein für Bildungsarbeit zu Geschlecht und sexueller Orientierung
Rosa Hilfe Freiburg e.V.
Freiburger Lesbenfilmtage e.V.
Regenbogen-Referat für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Universität Freiburg queerfeldein Freiburg e.V.
Mit Sicherheit Verliebt Freiburg (MSV)
Betty BBQ
Frauen- und MädchenGesundheitsZentrum Freiburg e.V. (FMGZ)
Aufgeklärt?! – Aktionswochen zur sexuellen Bildung
dgti e.V.
dgti e.V. Arbeitskreis Baden-Württemberg
Projekt 100% MENSCH
unbeherrscht
FeLi – Feministische Linke Freiburg
Internationale Jugend Freiburg
dielinke.SDS Freiburg (Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband)
Junges Freiburg
Grüne Jugend Freiburg
Jusos Freiburg

Jill erklärt, warum J.K. Rowling trans*feindlich ist:

https://www.youtube.com/watch?v=9ll7jRvUJLw

Trans*: Trans ist ein Überbegriff für alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. Das Sternchen, das manchmal hinter trans gesetzt wird (trans*) wird als Platzhalter gedacht, an das sich alle trans*Identitäten anhängen können. Dazu gehören binäre trans* Menschen wie Frauen und Männer, aber auch nicht- binäre trans* Menschen, die sich nicht vollständig einem der beiden Geschlechter zuordnen.

TERF: TERF steht für trans-exclusionary radical feminist, also trans* Personen ausschließende radikale Feminist*innen. TERFs behaupten, dass es nur zwei Geschlechter gibt und dass die durch körperliche Merkmale voneinander zu unterscheiden sind. Sie sind vor allem trans-misogyn und weigern sich trans* Frauen als Frauen anzusehen. Sie wollen nicht mit trans* Personen gemeinsamen Aktivismus machen, misgendern sie absichtlich und schließen trans* Frauen aus Räumen und Organisationen für Frauen aus. Außerdem behaupten sie oft, dass trans* Männer und bei Geburt weiblich eingeordnete Enbys den Feminismus verraten würden.

Weitere Definitionen und Begriffserklärungen auf www.queer-lexikon.net

Anlaufstellen für trans*geschlechtliche Personen, Angehörige und Fortbildungen:

Freiburg

  • TransAll e.V. – Beratung und regelmäßige Treffen für trans* Menschen
  • Elterngruppe bei Fluss e.V. – für Eltern transidenter Kinder und Jugendlicher
  • Regenbogenreferat der Uni Freiburg – https://www.stura.unifreiburg.de/gremien/referate/regenbogen

Deutschland

  • Bundesverband trans* – Einsatz für geschlechtliche Vielfalt und Selbstbestimmung
  • Meingeschlecht – Portal für inter*, trans* und genderqueere Jugendliche

Medienguides zum Thema Trans*geschlechtlichkeit:

  • https://www.tgns.ch/de/medien/medienguide/
  • https://www.transinterqueer.org/download/Publikationen/TrIQ_Journalist_innen-2.%20Aufl.- web(2).pdf
  • Dokumentation auf Netflix „Disclosure“ über die Darstellung von trans* in den Medien

Quelle

https://trans-all.org/news/offener-brief-bz/