Offener Brief zur Berichterstattung vom 30.7.20 der BZ, Fudder & dem Presseportal der Polizei

Flagge: Trans*

Am 30.7.2020 titelten die BZ und Fudder: „Freiburger Polizei sucht einen Mann in Frauenkleidern, der spielende Kinder fotografiert“ um dann am 01.08. zurückzurudern, dass es sich beim gesuchten „Mann in Frauenkleidern“ um eine trans* Frau handele, die „ohne kriminelle Energie“ mit ihrem Kind unterwegs gewesen sei und über einen neuen Spielplatz in Freiburg bloggen wollte. 

https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/110970/4667317

https://www.badische-zeitung.de/freiburger-polizei-sucht-mann-in-frauenkleidern-der-spielende-kinder-fotografiert

https://www.badische-zeitung.de/polizei-freiburg-gibt-entwarnung-nach-videoaufnahmen-auf-spielplatz

Der per polizeilicher Pressemitteilung herausgegebene ‚Zeugenaufruf‘, inklusive Personenbeschreibung, zog eine Online-Hetzjagd nach sich. Selbst nach mehrfachen Hinweisen von Nutzer*innen der Seite ‚Polizei Freiburg‘ auf Facebook auf menschenfeindliche Kommentare in den Kommentarspalten oder auf personenbezogenen Informationen, löschte die Polizei diese nicht. Sie verweist lediglich auf die Freiheit der Meinungsäußerung und Diskurs. „Äußerungen, die sowieso schon marginalisierte Gruppen von Menschen derart herabsetzen und entmenschlichen, sind per Definition diskriminierend. (…) Aussagen, die anderen das Recht auf Sicherheit und Frieden versagen, müssen nicht toleriert werden und werden ganz klar nicht von Meinungsfreiheit gedeckt“ argumentierte daraufhin ein*e Nutzer*in. Aber auch dieser Einwand führte nicht zum Löschen der feindlichen Kommentare. 

Mit dem Ignorieren von menschenfeindlichen Äußerungen und der klischeebehafteten Darstellung von Menschen, die sich nicht geschlechtskonform kleiden, haben sowohl die Polizei Freiburg als auch die Badische Zeitung und Fudder zur Diskriminierung von Trans*geschlechtlichkeit und Personen, die sich nach gesellschaftlich normierten Bildern von Geschlecht nicht geschlechtskonform kleiden oder verhalten, beigetragen. Das halten wir für höchst problematisch und verurteilen dies hiermit scharf. 

Falsche Darstellungen von trans* Frauen haben in Medien eine lange Tradition. Umso mehr müssen sie sich ihrer Verantwortung bewusst sein, damit diese Bilder in Zukunft nicht weitere Generationen negativ beeinflussen. Das Bild von „dem kriminellen Mann“ als „Mann in Frauenkleidern“ wird uns vor allem von Print- und Onlinemedien immer wieder vermittelt. Schon im Kindergarten wird uns beigebracht, dass die vermeintliche Mutter Geiß in Wirklichkeit der böse Wolf ist, der seine Stimme verstellt und seine Pfote weiß färbt – dies nur zu dem einzigen Zweck, sich Zutritt zum Haus zu verschaffen und alle jungen Geißlein zu fressen. Dasselbe passiert auch bei Rotkäppchen, die vom als Großmutter verkleideten Wolf getäuscht wird. Ein weiteres Beispiel ist der Film Mrs. Doubtfire, in welchem der Vater – wenn auch in guter Absicht – in Frauenkleider schlüpft, um seinen Kindern nahe zu sein, sie jedoch gleichwohl damit täuscht. 

So vermitteln auch die Badische Zeitung, der Polizeibericht und Fudder einen falschen Kausalschluss zwischen „Mann in Frauenkleidern“ und Kriminalität. Niemand der Autor*innen hat hingegen die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich um eine trans* Person handeln könnte oder um eine Person, die sich geschlechts-nonkonform kleidet – hier stellt sich darüber hinaus die Frage, was denn überhaupt Frauen- oder Männerkleidung sein soll. Diese Bilder bereiten einen Nährboden für die Weiterverbreitung und Verfestigung von Trans*feindlichkeiten. Beleidigungen, Übergriffe und Gewalt bis hin zum Tod gehören zum Alltag von trans* Frauen. Alleine in den USA wurden in diesem Jahr 25 trans* und nicht geschlechtskonforme Personen ermordet (Vgl. https://www.hrc.org/resources/violence-against-the-trans-and-gender-non-conforming-community-in-2020). 

Wir als Freiburger Organisationen, die sich für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und für gleiche Rechte und Akzeptanz aller Menschen jeglicher geschlechtlicher Identitäten und Geschlechtspräsentationen einsetzen, fordern einen verantwortungsbewussten Umgang und Sensibilität mit Sprache und Berichterstattung, um Feindbilder nicht weiter mitzutragen oder diese gar noch zu verfestigen.

Für uns stellt sich außerdem die Frage: Hätte die Polizei im Zeugenaufruf zur Täter*innenbeschreibung auch die Formulierung „Frau in Männerkleidung“ genutzt? 

Des Weiteren fordern wir eine sensible und vielfaltsbewusste Haltung der Polizei, die klar gegen menschenfeindliche Äußerungen, Veröffentlichung von personenbezogenen Daten und Kausalschlüsse auf ihren Social Media Kanälen vorgeht. 

Mit freundlichen Grüßen 

TransAll e.V. 

FLUSS e.V. Freiburg, Verein für Bildungsarbeit zu Geschlecht und sexueller Orientierung 

Feministischer & Frauen_streik Freiburg 

Unterstützt von: 

AG Mädchen* in der Jugendhilfe Freiburg 

Sexualaufklärungsprojekt „Mit Sicherheit verliebt“ Freiburg 

Theaterkollektiv RaumZeit Freiburg 

Queerfeldein Freiburg e.V. 

Sévérine Kpoti Photographie 

Gemeindefraktion Eine Stadt für alle, Grüne Alternative Freiburg 

SPDqueer – AG für Akzeptanz und Gleichstellung in der SPD BaWü 

Wählervereinigung Urbanes Freiburg 

Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität dgti e.V. 

dgti e.V. Arbeitskreis Baden-Württemberg 

AK feministische TheorieN Freiburg 

Regenbogenreferat Freiburg 

Bi+sexuelles Netzwerk Freiburg 

Pro Familia Freiburg 

Netzwerk für Gleichbehandlung Freiburg (Antidiskriminierungsstelle) 

Elter*ngruppe für Elter*n von trans* Kindern und Jugendlichen, FLUSS e.V. Freiburg 

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Trans*: Trans ist ein Überbegriff für alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. Das Sternchen, das manchmal hinter trans gesetzt wird (trans*) wird als Platzhalter gedacht, an das sich alle trans-Identitäten anhängen können. Dazu gehören binäre trans* Menschen wie Frauen und Männer, aber auch nicht- binäre trans* Menschen, die sich nicht vollständig einem der beiden Geschlechter zuordnen. 

Gender/Geschlechts-nonkonforming: Eine Person, die sich als ‚gender nonconforming‘ oder ‚gendervariant‘ identifiziert, hat eine Geschlechtsidentität, die nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, dem diese bei der Geburt zugewiesen wurde. Im Gegensatz zu trans* geht es dabei aber mehr um die grundsätzliche Ablehnung der gesellschaftlichen binären Norm in Bezug auf Geschlecht. 

Weitere Definitionen und Begriffserklärungen auf www.queer-lexikon.net 

Anlaufstellen für trans*geschlechtliche Personen, Angehörige und Fortbildungen: 

Freiburg 

Deutschland 

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Medienguides zum Thema Trans*geschlechtlichkeit: 

https://www.tgns.ch/de/medien/medienguide/

https://www.transinterqueer.org/download/Publikationen/TrIQ_Journalist_innen-2.%20Aufl.-web(2).pdf

Dokumentation auf Netflix „Disclosure“ über die Darstellung von trans* in den Medien