NS-Verfolgung queerer Menschen in Freiburg

Vom Freiburger Landgericht am Holzmarkt 2 wurden im NS homosexuelle Männer verfolgt und verurteilt. Sie erlitten Gefängnisstrafen, Kastrationen und Deportationen in KZs. Einige brachten sich um oder wurden ermordet. Der Verfolgung lag die rassistische und homofeindliche Ideologie der Nazis zugrunde. Besonders bedroht waren Mehrfachdiskriminierte.


Bundestag erinnert am 27.01.2023 zum ersten mal an queere NS-Opfer


Queere Geschichte*n Freiburg

Der kostenlose Audioguide „Queere Geschichte*n Freiburg“ erzählt an 27 Stationen in Freiburg historische und aktuelle Geschichten über queere Personen, Themen, Ereignisse, Szenen und Orte.

7 Stationen zu Nationalismus:

Historisches Kaufhaus, Münsterplatz 24

Käthe Seifried (1904-1991) wird im NS als Kommunistin verfolgt. Nach dem Krieg lebt sie mit ihrer Lebensgefährtin Sophie Gerstmeier in Freiburg und zieht mit ihr ein Kind groß, dass ihnen jedoch weggenommen wird, weil sie es ohne ein Ehepaar zu sein nicht adoptieren dürfen. Lesbischen Eltern wird bis in die 90er Jahre tausendfach das Sorgerecht entzogen, auch heute noch sind sie rechtlich benachteiligt.

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Salzstraße 3

Hanni Rocco (1896-1990) und Maria ‚Bobi’ Proelss (1890-1962), zwei Künstlerinnen und Musikerinnen, führen gemeinsam ein bewegtes Leben zwischen der Bohème in Europas Großstädten, der Künstlerkolonie Höri am Bodensee – und Freiburg, wo sie nach dem Krieg gemeinsam in der Salzstraße wohnen. Die NS-Zeit überleben sie nur mit Glück – insbesondere Bobi, die jüdische Wurzeln hat.

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Platz der Universität

Charlotte Wolff (1897-1986) ist eine jüdische frauenliebende Sexualwissenschaftlerin, die in den 1920er Jahren zeitweise in Freiburg studiert. In der Kleinstadt gibt es damals aber wenig queere Kultur. Später forscht sie im Londoner Exil zu Lesbianismus und Bisexualität. In Haslach ist heute eine Straße nach ihr benannt.

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Zunftstraße, zwischen Hausnummer 5 und 13

In der Zunftstraße erinnert ein Stolperstein an Fritz Hauser (1892-1944), der hier Anfang des 20. Jht gewohnt hat. Den Nazis ist er wegen seiner Homosexualität, seinem angeblichen ‚Schwachsinn‘, seiner Gläubigkeit und seiner regimekritischen Haltung ein Dorn im Auge. Mehrfach wird er wegen homosexuellen Handlungen verurteilt und 1940 schließlich ins KZ deportiert. In den KZs stehen Homosexuelle weit unten in der Häftlingshierarchie und werden von den Mithäftlingen oft ausgegrenzt. 1944 stirbt Fritz Hauser im KZ Lublin-Majdanek.

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Holzmarkt 2

Vom Landgericht am Holzmarkt 2 werden im NS homosexuelle Männer verfolgt und verurteilt. Sie erleiden Gefängnisstrafen, Kastrationen und Deportationen in KZs. Einige bringen sich um oder werden ermordet. Der Verfolgung liegt die rassistische und homofeindliche Ideologie der Nazis zugrunde; besonders bedroht sind Mehrfachdiskriminierte. Manche Homosexuelle bewegen sich aber auch in einer Grauzone zwischen Opfer- und Täterschaft. Trotz der Anstrengungen des Regimes kommt homosexuelles Leben im NS nicht komplett zum Erliegen.

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Schreiberstraße 10

1928 eröffnet Dr. Maria Plum (1894-1962) die erste weiblich geführte Anwaltskanzlei in Freiburg, die schnell sehr erfolgreich wird. Sie führt die Kanzlei mithilfe ihrer Bürovorsteherin und Lebensgefährtin Marie Luise Goppel, mit der sie auch zusammenwohnt. Im NS tritt sie in den beruflichen Widerstand und versucht die Auswirkungen der NS-Politik auf Frauen und Juden*Jüdinnen in ihrem Umfeld abzumildern.

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Klohäuschen Kaiserbrücke – Ecke Schreiberstraße

Klappen sind Klohäuschen, die von Männern für Sex frequentiert werden. Sie können als queere Raumaneignungen gedeutet werden. In Freiburg sind über 20 Klappen aus verschiedenen Zeiten dokumentiert. Eine davon ist das Häuschen an der Kaiserbrücke. Neben ihr verläuft am Dreisamufer in der Nachkriegszeit die sogenannte ‚rue‘, ein Ort des schwulen Flirtens.

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Quelle: queere-geschichten-freiburg.de


Stolpersteine für NS-verfolgte homosexuelle Männer in Freiburg

Auf der Grundlage der Forschungsarbeit von William Schäfer wurden in Freiburg Stolpersteine für NS-verfolgte homosexuelle Männer verlegt.

Die NS-Verfolgung homosexueller Männer vollzog sich primär über die 1935 in Kraft getretene Verschärfung des Paragraphen 175 des Reichsstrafgesetzbuches (RStGB). Im Gegensatz zur Version aus dem 19. Jahrhundert, die nach ständiger Rechtsprechung „beischlafähnliche Handlungen“ für eine Strafbarkeit voraussetzte, reichten nach dem Willen der NS-Gesetzgebung bereits „begehrliche Blicke“ für eine Strafverfolgung.

Die Zahl der Männer, welche wegen homosexueller Vergehen verurteilt wurden, stieg ab 1935 rapide. Häufig wurden sie nach Verbüßung der gegen sie verhängten Gefängnisstrafe, manchmal aber auch ohne dass sie gerichtlich verurteilt worden waren, von der Gestapo in Konzentrationslager verschleppt.

Im „Dritten Reich“ wurden über 100.000 Männer polizeilich erfasst (Rosa Listen), 50.000 Urteile ergingen aufgrund von §§ 175 und 175a RStGB. Insgesamt, so die Schätzung, dürften etwa 10.000 homosexuelle Männer in den NS-Konzentrationslagern inhaftiert worden sein, von denen etwa 53 % ums Leben kamen.

Der von den Nazis verschärfte § 175 wurde im Jahr 1945 von der BRD unverändert übernommen. Erlittenes Unrecht wurde weder anerkannt noch entschädigt. Stattdessen standen in den 1950er Jahren der BRD schwule Männer erneut vor denselben Richtern, die sie schon in der NS-Zeit zu Gefängnisstrafen oder KZ-Haft verurteilt hatten.

Mehr als 50.000 Männer sind nach dem von den Nazis verschärften § 175 verfolgt worden – und etwa ebenso viele bis 1969 auch in der BRD. Der seit 1872 geltende „Schwulen-Paragraf“ 175 wurde 1969 sowie 1973 entschärft und erst 1994 vollständig abgeschafft.

Symbolisch auf den 17.5. gelegt, beschloss der Bundestag im Jahr 2002 eine Ergänzung zum Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege. Damit wurden Verurteilungen wegen homosexueller Handlungen in der Zeit des NS für nichtig erklärt. Die Lesben- und Schwulenbewegung kritisierte, dass der Bundestag die Urteile nach 1945 unangetastet ließ, obwohl die Rechtsgrundlage bis 1969 die gleiche war.

Am 22.07.2017 ist das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilten Personen in Kraft getreten.

Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Mit im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln, sogenannten Stolpersteinen, soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Der erste Stolperstein in Freiburg wurde am 22. Oktober 2002 verlegt. Heute gibt es in Freiburg insgesamt 460 Stolpersteine. Auf der Grundlage der Forschungsarbeit von William Schäfer wurden in Freiburg auch Stolpersteine für homosexuelle Männer verlegt.

Quellen: